Alles? Alles.

Telefon der Krankenkassen-Angestellten (freundlich zirpend): «Könnten sie uns alle Rezepte, die Frau Redundandi letztes Jahr bezogen hat zufaxen? Danke!»

Frau Redundandi ist Selbstzahler, sie hat diverse Dauerrezepte, von denen sie die Medikamente einzeln bezieht. Tatsächlich hat sie eine Krankenkasse, bei der wir direkt abrechnen könnten, aber das wollte sie ausdrücklich nicht – weil sie so die bessere Übersicht hat und weil sie als Selbstzahler etwas spart (wir erlassen denen die eine der beiden Pauschalen, da sie uns faktisch auch einen Teil der Arbeit abnehmen, indem sie die Rezepte und Quittungen selber zahlen und einschicken).

Jaaaa …. nach dem Telefonat mit der Kasse würde ich sagen sind die beiden Argumente hinfällig. Sie hat nämlich nur die Quittungen eingeschickt ohne Rezepte und findet sie wohl auch nicht mehr zu Hause.

Sie hat ja Glück, dass wir inzwischen auch Selbstzahler Rezepte kopieren und zum archivieren einschicken. Aber das wieder aus dem System rauszuholen kostet Zeit. Und ich will gar nicht dran denken, wie ich das machen soll, wenn ich in das hier lagern und dann in den Papierbergen danach wühlen müsste.

Ich setze mich direkt mit Frau Redundandi in Verbindung, die über die Anfrage der Kasse alles andere als erfreut ist. «Bisher hat das so immer geklappt, ich verstehe nicht, weshalb das jetzt nicht mehr geht …». Die Kasse hat es immerhin zuerst bei ihr selber versucht – sie hat einen Brief bekommen mit den genauen Angaben von welchen Quittungen die Rezepte fehlen. Aber grundsätzlich ist es möglich, dass noch mehr nicht mitgeschickt wurde, also wäre es vielleicht doch nicht schlecht, wenn ich alles …

«Alles», also das ganze Jahr, das sind über 60 Rezeptbezüge (!)

Am Schluss verlange ich 20 Franken dafür … (immer noch weniger als das, was sie gespart hat) und sie ist damit einverstanden, dass wir das in Zukunft direkt der Kasse einschicken zum abrechnen.

Es gibt ja Krankenkassen, bei denen die Patienten grundsätzlich erst mal in der Apotheke die Medikamente bezahlen müssen und die Rezepte und Quittungen dann einschicken um das Geld zurück zu bekommen. (Und die Rezepte im Original, kein Metall dran und bitte gesammelt ab Erreichen der Franchise ….) Das sind häufig die preislich günstigeren Kassen – man sollte einfach daran denken, dass man da als Patient den Kassen einen Teil der Arbeit abnimmt und vielleicht auch nicht wirklich alles eingeschickt wird (siehe oben).

Jedes Jahr haben wir Patienten, die auf so eine Kasse gewechselt haben und denen das nicht bewusst ist. Und jedes Jahr haben wir die, die sozusagen „den Foifer unds Weggli“ wollen und von uns verlangen, dass wir das trotzdem direkt der Kasse abrechnen. Das geht, mit einer Forderungsabtretung, allerdings liegt das Risiko dann bei der Apotheke, das Geld nicht mehr von der Kasse zurückzubekommen (wenn zum Beispiel die Prämien nicht bezahlt wurden) weshalb wir das nicht gerne machen. Und inzwischen ist es so, dass wir praktisch von der Kasse „Bestraft“ werden (Geld abgezogen bekommen), wenn wir das zu häufig machen. Darüber ein anderes Mal mehr.

PMC Goodbye!

Noch ein aktuelles Opfer der Sparmassnahmen des Bundesrates an der Apotheke: Der Polymedikationscheck wird ab dem 1. Juli nicht mehr von der Krankenkasse (Grundversicherung) übernommen.

Ihr wisst nicht, was das ist? Das ist eigentlich eine sehr Sinnvolle Sache. Die Apothekerin setzt sich mit dem Patienten zusammen und geht zusammen mit ihm seine Medikamente und ihre Einnahme durch und schaut wie sie genommen werden und ob man etwas optimieren kann. In anderen Ländern kennt man diese Dienstleistung auch. In Amerika heisst das CMR Comprehensive Medication Review, in Grossbrittanien wird er MUR Medicines Use Review genannt und ist Pflichtleistung und in Deutschland nennt sich das Medikationsanalyse – ich glaube da streiten die Ärzte noch mit den Apothekern und der Krankenkasse darum, das zu leisten und abrechnen zu können.

Mehr nachzulesen hier: „Darf ich ihnen einen Polymedikationscheck anbieten?“

Obwohl das ein für die richtige Einnahme der Medikamente sehr wichtiges Instrument sein kann, hat das in der Schweiz irgendwie nicht richtig gegriffen. Es durfte keine Werbung dafür gemacht werden und der Effekt ist … schwierig nachzuweisen (obwohl es aus anderen Ländern dazu Studien und Kostenanalysen gibt). Dementsprechend erklärt die Streichung aus der Grundleistung so:

Bei dieser Leistung, die 2010 eingeführt wurde, konnte bis heute nicht nachgewiesen werden, dass sie den Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit entspricht, die für eine Vergütung im Rahmen des KVG erfüllt sein müssen.

Ja – wieder greift der Bundesrat bei den Apothekenleistungen ein um zu sparen.

Aber mit der Erklärung könnte man (sinnvoller) problemlos noch einiges aus der Grundversicherung streichen *husthomöopathie*. Sorry. *hust*

Auf der positiven Seite: zumindest wurde die Verländerung und den Rest der Tarifverträge zwischen Apotheken und Krankenkassenverbänden genehmigt.

Zum weitergruseln: die MiGeL-Änderungen

Zur gibt es neue Änderungen. Anfang Jahr habe ich schon darüber geschrieben (siehe: MiGel oder Mich gruselt es Langsam), jetzt … gibt es mehr. In unsortierter Reihenfolge: (nicht die Details, nur die Grundlagen und unkomplett, nur was mir aufgefallen ist:)

Pro Jahr und „pro rata“ – Wenn die Behandlung nicht Anfang Jahr beginnt, dann hat man als Patient nicht (mehr) Anspruch auf das gesamte Material (oder Pauschale), sondern nur den Teil, der übrigbleibt. Zum Beispiel: Inkontinenzmaterial, bei dem im Jahr X Franken übernommen wird, wird ab Juni nur noch die Hälfte (6 von 12 Monaten) und ab September nur noch ein Viertel bezahlt. Oder: Eine Brille, die einmal pro Jahr vergütet wird, wird bei einem ersten Bezug am 31. Oktober 2018 frühstens im November 2019 erneut vergütet.

Inkontinenzprodukte werden frühstens ab einem Alter von 42 Monaten übernommen (=4 Jahre). Ausgeschlossen ist die normale infantile Inkontinenz (wurde das vorher bezahlt??? Nö, oder?) und leichtere Inkontinenz.

Die Pauschalen pro Jahr für Inkontinenzprodukte wurden gesenkt (teils massiv: um mehrere hundert Franken!)

Analtampons werden neu übernommen (Yay – aber zu spät für meinen Patienten)

Kompressionsstrümpfe werden nur noch bei Ababe durch Abgabestellen vergütet, die einen Vertrag mit dem Versicherer haben und die notwendigen Qualitätsanforderungen erfüllen. Und: Medizinische Kompressionsstrümpfe, die aufgrund einer durch die versicherten Personen selbst erfolgten Vermessung abgegeben werden, sind nicht leistungspflichtig. (!)

Anpassung der übernommenen Höchstpreise für Kompressionsstrümpfe: teils etwas hoch, teils etwas runter. Eher runter meistens, dafür gibt es für Massanfertigungen jetzt einen Betrag, der übernommen wird – das ist neu und auch nur dann der Fall, wenn es wirklich eine braucht wegen ungewöhnlicher Masse.

Anziehhilfen für medizinische Kompressionsstrümpfe werden neu übernommen (nur wenn der Patient das ohne nicht kann) – ausser den Handschuhen. Die sind immer noch ausgenommen.

Materialübernahme für die Stomaversorgung pro Jahr gesenkt (um über 1000 Franken)

Mittel und Gegenstände, die … im Rahmen der Pflege in Pflegeheimen oder durch die Spitex angewandt werden, dürfen nicht über die MiGeL abgerechnet werden, sondern werden über die für die jeweiligen Leistungserbringer geltenden Tarifsysteme vergütet. (=diesmal das Spitex-Dilemma anders ausgedeutscht, aber immer noch vorhanden).

Wenn eine Leistung der MiGeL durch mehrere Versicherungen übernommen werden könnte, gilt die Reihenfolge: 1. Militärversicherung, 2. Unfallversicherung, 3. AHV/IV, 4. Obligatorische Grundversicherung.

Die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) erbringt keine ergänzenden Leistungen zu jenen von AHV, IV, UV oder MV, wenn eine dieser Sozialversicherungen leistungspflichtig ist. So übernimmt die OKP beispielsweise nicht die von der AHV nicht vergüteten Kostenanteile für Hilfsmittel.“ – Ah, ich DENKE das heisst, dass wenn eine andere Versicherung als die Krankenkasse etwas aus der MiGeL übernimmt, dann zahlt die Krankenkasse auch nicht die den Rest, zum Beispiel die Differenz zum Verkaufspreis.

Für nicht aufgeführte, abweichende Formate / Volumina / Gewichtsangaben gilt der Höchstvergütungsbetrag des nach der Fläche nächstliegenden Formates oder der nächstliegenden Volumina oder Gewichtsangabe. In der Mitte liegende Flächen werden der Position des kleineren Formates, in der Mitte liegende Volumina oder Gewichtsangaben der kleineren Position zugewiesen. = im Zweifel wird immer abgerundet.

UV Bestrahlungsgeräte (zum Beispiel in der Psoriasis Therapie gebraucht) werden nicht mehr vergütet.

Inhalationsgeräte (Pari) haben neu beim Kauf die Limitation, dass sie nur noch durch Fachärzte für Pneumologie oder Pädiater mit Schwerpunkt Pneumologie verordnet werden dürfen und nur noch bei Cystischer Fibrose, chronisch bakterieller Lungenetzündung durch Pseudomonas aeruginosa oder sehr schwerem Astma bei gleichzeitiger Behandlung mit oralen Kortikosteroiden. (Das ist noch in Evaluation, wie das bis nächstes Jahr im Juni aussieht)

Orthopädische Schuheinlagen werden neu übernommen – aber nur nach Fussoperationen

Das Sparen geht weiter. Vieles davon wird Erklärungsbedarf beim Patienten haben – vor allem, wenn etwas oberhalb des übernommenen Höchstpreises liegt (und er es selber zahlen muss) oder er eine Rechnung der Krankenkasse Ende Jahr bekommt, weil er über der vergüteten Pauschale ist (Inkontinenzprodukte etc.)

Der „grosse Bruder“ kehrt zurück

Nach dem Aufschrei von Krankenkassen, Apotheken und Spitälern hat das BAG eingesehen, dass das Verbot ein ziemlich kurzsichtiger Entscheid war und erlaubt nun wieder, dass die kostengünstigeren Grosspackungen die nicht in der Grundversicherung sind trotzdem dort abgerechnet werden können. Lies hier nach um was es ging: Der „grosse Bruder“ ist gestorben

Bern, 24.06.2019 – Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) akzeptiert die Vergütung der Kosten für bestimmte Grosspackungen von Arzneimitteln (Grand-Frère Packungen) durch die Krankenversicherer bis zum 30. Juni 2020, damit keine höheren Kosten entstehen. Es handelt sich um eine Übergangslösung, bis die Vergütung dieser Packungen definitiv geregelt ist.

Quelle BAG

Auch sie haben gemerkt, dass das zu einer Kostensteigerung führte. Sicher, die Spitäler die nun wieder teure Gross-Packungen auf mehrere Patienten verteilen können, sind da mehr betroffen, aber ich bin in der Apotheke froh, dass ich wieder grosse Becozym, Magnesiocard, Aerius, Excipial, Perenterol und Ritalin in den Grosspackungen abgeben darf.

Das Ziel ist (und ich hoffe, das klappt in einem Jahr), dass die Grosspackungen ganz offiziell in die SL Liste, also in die von der Grundversicherung vergüteten Präparate aufgenommen werden. Damit habe ich dann auch kein Problem mehr.

Es bleibt halt abzuwarten, ob die Firmen das wollen. In der SL werden die Preise „fremdbestimmt“, das BAG schreibt sie vor. Theoretisch können sie bei den Nicht-gelisteten Präparaten (NLP) die Preise selber machen und anpassen. Da kam es auch schon vor, dass die Grosspackungen dann auf einmal NICHT mehr kostengünstiger waren. Siehe hier: Kein „grosser Bruder“ mehr

Prämiensteigerungen und Sparmassnahmen

Im Radio SRF – mitgehört beim Autofahren:

„… Erwarten wir wieder eine Steigerung der Prämien der Krankenkasse um 3%. Dies hauptsächlich wegen Kostenzunahmen und Steigerung in den Bereichen Physiotherapie, Spitex und Laborleistungen.“

Nichts neues unter der Sonne. 3% sind allerdings wieder einiges mehr als auch schon. Das tut langsam wirklich weh. Der Sprecher fährt weiter:

„Der Krankenkassenverband Santesuisse fordert deshalb weitere Sparmassnahmen, vor allem im Bereich Medikamentenpreise.“

Und dann bin ich kurz explodiert. WAAAAS?? TYPISCH! Ich meine: die Medikamentenpreise wurden noch nicht mal als Grund für die erhöhten Gesundheitskosten angegeben!

Sie sind es auch nicht wirklich. Natürlich haben wir ein Problem mit den Hochpreisern – Aber die Medikamente sind trotzdem nicht wirklich der Kostentreiber im Gesundheitssystem. Nur halt der Ort, wo am einfachsten gespart werden kann.

Darauf weist auch Pharmasuisse in der neusten hin:

Medikamentenkosten: 1 Milliarde eingespart

Bereits heute sparen Apotheker und Hausärzte infolge der Preisüberprüfungen des BAG innerhalb von drei Jahren 1 Milliarde Medikamentenkosten ein. Für die Apotheker bedeutet dies: Sinkende Einnahmen bei mehr abzugebenden Packungen, höhere Personalkosten in der Logistik und Beratung und damit steigende ungedeckte Betriebskosten. Zwar sollen Apotheker, Hausärzte und Pflege immer mehr kostensparende Aufgaben in der medizinischen Grundversorgung übernehmen, doch droht mit geplanten Abbaumassnahmen der Kollaps der wohnortsnahen Versorgung.

Denn das ist der Effekt. Und das ist auch das, was wir verhindern wollen – für die Patienten. Deshalb wurde die Petition „gut umsorgt“ lanziert – deren in 60 Tagen gesammelten über 340’000 Unterschriften gestern überreicht wurden.

Die Medikamentenkosten dürfen nicht mehr das Hauptziel und die Hauptmassnahmen sein! Andere Strategien müssen her.

Wie sich die Zeiten ändern in der Apotheke

… Mir fällt immer mehr auf, wie sehr sich das Gesundheitssystem aus Apothekensicht geändert hat. Es geht grundsätzlich in Richtung immer komplizierter.

Ich hatte es noch recht einfach, als ich angefangen habe in der Apotheke zu arbeiten.

Die Krankenkasse war schon obligatorisch, einiges günstiger und übernahm … mehr als heute.

Die Versicherungsdeckung muss heute sofort (am Tag der Abgabe) kontrolliert werden – das funktioniert zum Glück mittlerweile mittels Internet und den geeigneten Lesegeräten / Verbindung ganz gut. Leider wechseln die Kassen gelegentlich auch unter dem Jahr einfach so die Versicherungsnummern und versenden keine neuen Karten dafür.

Die Zusatzversicherung ist freiwillig, die Kassen können selber aussuchen, was und wieviel daran sie bezahlen wollen. Das macht es mir teils unmöglich in der Apotheke bei solchen Produkten eine genaue Aussage zu machen. Manche Produktegruppen, die nur äusserst selten übernommen werde, lasse ich deshalb auch Patienten mit Zusatzversicherung in der Apotheke bezahlen, dazu gehören Nasenspülmittel, viele der befeuchtenden Augentropfen etc. Man verliert die Zusatzversicherung übrigens ziemlich schnell, wenn man die Prämien nicht (rechtzeitig) bezahlt.

In manchen Kantonen gibt es „schwarze Listen“ worauf Patienten gesetzt werden, die nicht bezahlen – da darf ich wirklich nur noch „lebensnotwendige Medikamente“ abgeben, ohne dass sofort bezahlt wird.

Bei neugeborenen Babies konnte man Rezepte die ersten Monate (bis sie eine Karte bekamen) auf die Krankenkasse der Mutter abrechnen. Heute heisst es: Versicherungsnachweis sofort – oder zahlen und selber einschicken.

Es gibt Krankenkassen, die keinen Vertrag mit den Apotheken gemacht haben, weshalb die Patienten die Medikamente erst mal selber bezahlen müssen und das der Kasse einschicken. Ganz früher war das ja Normalzustand – dann kam das alles direkt an die Kasse abrechnenbar – und jetzt haben wir gemischte Zustände.

So wirklich hochpreisige Medikamente wie wir sie heute immer öfter sehen (und die einen Grossteil der Kosten im Apothekenteil ausmachen) gab es noch nicht.

Medikamente werden immer öfter mit Limitationen zugelassen. Sie sind dann zwar in der SL (Spezialitätenliste), werden aber nur von der Grundversicherung übernommen, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehören Einschränkungen in der Indikation (für was sie angewendet werden), dass vorher anderes erfolglos ausprobiert worden sein muss (Orlistat), Einschränkungen ab welchem Alter das übernommen wird (Melatonin ab 53, Valdoxan vor 60), Einschränkungen, wie lange etwas bezahlt wird (Champix) undsoweiterundsofort. Manche brauchen vor der Anwendung eine Kostengutsprache durch die Kasse. Selbst die verschreibenden Ärzte blicken da oft nicht mehr durch.

Generika gab es als ich anfing zu arbeiten noch fast gar nicht. Inzwischen kommen jährlich mehr dazu, da zugelassene Medikamente ihren Patentschutz verlieren. Ich sehe jetzt auch in meiner Anfangszeit neu zugelassene Medikamente, die jetzt Generika haben (nach 10-15 Jahren so üblich).

Die Auswahl der Generika war früher vor allem uns Fachpersonen überlassen. Inzwischen wird immer mehr versucht das von aussen zu steuern. Dass man mehr anwendet, dafür gibt es die 20% Regelung: der Patient bezahlt für Originale, bei denen es Generika gibt, mehr Selbstbehalt als üblich (10%). – Das ist die Kurzfassung, da sie auch daran schon geschraubt haben, wie das genau anzuwenden ist. Die Krankenkassen fangen zudem vermehrt an bei Medikamenten, bei denen es günstigere Generika gibt, die aber aus medizinischen Gründen nicht ersetzt werden sollten (wie Antiepileptika) da trotzdem die 20% Regel anzuwenden (oder gar noch weniger zu bezahlen) um Druck auszuüben. Dazu haben sie neue Klauseln in den Versicherungsverträgen.

Es gibt zwar immer wieder neue Wirkstoffe und wegen Patentabläufen kommen Generika von bestehenden Medikamenten in den Handel – andererseits gehen lange bekannte Arzneimittel verloren. Manchmal sind die Gründe Sortimentsbereinigungen (oder anders gesagt: der Schweizer Markt ist zu klein, der Absatz zu niedrig) – so haben wir schon Euceta, Hemeran und Vita Merfen verloren. Manchmal sind es Wirkstoffe, die heute als nicht mehr so angebracht (obsolet) angeschaut werden – wie Migräne Kranit, Spasmo Canulase und Spasmo Cibalgin. Manchmal wird die Produktion eingestellt, weil der Wirkstoff nicht mehr in ausreichender Qualität erhältlich ist – Irgamid, das einzige frei verkäufliche Mittel beim Gerstenkorn verschwand so. Es gibt noch viel mehr Beispiele … manche davon vermisse ich wirklich sehr.

Dagegen wurde manches aus der Rezeptpflicht entlassen (Ibuprofen zum Beispiel) – und neu mit der faktischen Aufhebung der Liste C (Apothekenpflichtig) bekommen wir mehr Kompetenzen manches rezeptpflichtiges ohne Rezept abzugeben: die neue Liste B+. Dazu gehört allerdings auch eine vermehrte Dokumentation und Bürokratie.

Medikamentenpreise ändern so oft, dass es schwierig ist, das wie vorgeschrieben anzugeben. Vor allem, dass die Medikamentenpreise auf den Packungen angeschrieben werden müssen. Aufgedruckt auf der Packung sind sie schon lange nicht mehr – wir müssen etikettieren, was am besten kurz vor der Abgabe passiert (eben wegen den Änderungen). Dabei haben wir bei den RX-Medikamenten vor allem Preisabschläge, was regelmässig zu Lagerverlusten führt. Und bei den OTX geht es regelmässig mit den Preisen aufwärts.

Lieferschwierigkeiten. Ich kann mich nicht erinnern zu meinen Anfangszeiten bis auf ganz wenige Ausfälle etwas nicht bestellen oder besorgen zu können. Und jetzt? Aktuell sind über 600 Medikamente nicht lieferbar, darunter so wichtige wie Antiepileptika, Mittel gegen Parkinson und Bluthochdruck. (2011 dachte ich auch noch nicht, dass das so kommen würde …)

Mittel- und Gegenstände (Verbandsmaterial, Inkontinenzartikel, Blutzuckermessgeräte und Zubehör etc.) – dafür gibt es auch eine Liste (MiGeL), die vor allem Überarbeitung erfahren hat im Sinne von Einschränkungen: Die von der Krankenkasse übernommenen Preise wurden oben plafoniert und liegen heute oft unterhalb der Verkaufspreises … weshalb die Differenz dann vom Patienten bezahlt werden muss.

Krücken kann man für Erwachsene nicht mehr auf die Krankenkasse mieten, nur noch kaufen (und auch hier zahlen sie zu wenig, dass man da eine auf Dauer brauchbare Krücke bekommt).

Wohnt der Patient im Altersheim oder wendet seine Haushilfe die verschriebenen Verbandstoffe, Inkontinenzmaterial oder Blutzuckerzubehör an, dann zahlt die Krankenkasse der Apotheke das (vielleicht schon abgegebene) Material nicht zurück: das ist ja schon in den Pflegepauschalen enthalten. (Jetzt muss ich nur noch wissen, auf welche Patienten das zutrifft).

Wenn wir in der Apotheke auf Arztrezept eine Rezeptur herstellen mussten, wurde die grundsätzlich übernommen. Heute bekommen wir von der Krankenkasse Rückweisungen, wenn der Wirkstoff zwar für die Anwendung zugelassen ist – sich aber nicht in der ALT (der Arzneistoffliste für Rezepturen) findet. Manchmal auch schon, wenn ein Inhaltsstoff sonst nicht da drin oder auf der SL (Spezialitätenliste) ist.

Wir konnten noch viel mehr abfüllen an Chemikalien. Das neue Chemikalienrecht ist einiges komplizierter als das alte (auch wenn wir jetzt nicht mehr so Buch führen müssen, wie früher). Vor allem die korrekte Etikettierung ist so kompliziert, dass das immer weniger Apotheken und Drogerien auf sich nehmen.

Die Vorschriften für die Zulassung für Hausspezialitäten sind mühsamer. Chemikalienmischungen müssen zur Kontrolle vorher gemeldet werden und werden dann zugelassen – auch das kostet wieder.

Biozide brauchen eine spezielle Zulassung – das bedeutet: nichts mehr mit selber Alkohol 70% oder Isopropanol 70% herstellen zur Oberflächendesinfektion. Da darf man nur noch Fertigprodukte verwenden.

Arzneimittel – Refill in vom Kunden mitgebrachte Behältnisse geht nicht mehr: Laut Pharmakopöe darf ich Mittel, die eingenommen werden oder auf der Haut angewendet werden nicht mehr auffüllen.

Wie ich bezahlt werde für meine Arbeit. Bei den RX-Medikamenten ist unsere Leistung (Arbeit) nicht mehr im Medikamentenpreis enthalten, sondern wird mittels Pauschalen abgegolten. Die sind auch nach 15 Jahren Wechsel schwierig zu erklären (es gibt 2 – und nein, die sind nicht „freiwillig“ oder eine Beratungstaxe).

Ich darf als Apothekerin mehr machen. Dienstleistungen wie Impfen, Asthmakontrolle, Allergieabklärung, Darmkrebsvorsorge, HIV-Tests kommen zu den klassischen Sachen wie Blutdruckkontrolle, Blutzuckermessung, Cholesterinmessung und Triage. Im Rahmen von Netcare und anderen Projekten arbeiten wir in der Apotheke mehr mit Ärzten zusammen, die via Videotelefonie zur Beratung herbeigezogen werden können. Das alles bedingt, dass man sich entsprechend weiterbildet und die nötigen Geräte dazu anschafft – Nicht jede Apotheke bietet jede dieser Dienstleistungen an. Die Abgeltung durch die Krankenkasse hinkt da ebenfalls noch hinterher – bisher muss der Patient das vor allem selber bezahlen.

So vieles hat geändert. Habe ich noch was vergessen?

Es war nicht alles früher besser. Aber es war sicher einfacher.