Die Steigerung von Hotel Mama – Lieferservice Mama

Es ist Morgen.

Lehrling der Drogerie zu mir: „Darf ich rasch nach Hause anrufen? Es ist dringend.“

Bimed: „Natürlich, aber … was ist denn das Problem?“

Lehrling: „Ich habe heute morgen mein Handy zuhause liegengelassen. Meine Mutter soll es mir bringen.“

Bimed: (leicht baff)… „Also, wenn das wirklich so wichtig ist für dich … mach das.“

 

Mama macht’s? Der Lehrling wohnt nicht gerade in der nächsten Strasse, das ist ein Weg von mindestens 20 Minuten in eine Richtung.
Gut, zu meiner Zeit gab es noch keine Handy – aber ich weiss was meine Mutter gesagt hätte, wenn ich mit so einem Anliegen gekommen wäre. Etwas in der Art:

„Kein Problem, das Telefon läuft nicht weg, das ist noch da, wenn du heute abend kommst.“

No way, dass sie mir das gebracht hätte. Und das finde ich auch ok.

Ich hatte ja lange Zeit kein Handy – hauptsächlich weil ich der Meinung bin, man muss nicht immer sofort erreichbar sein. Aufgrund meiner Arbeit sieht das heute etwas anders aus, aber … wenn ich zum Beispiel Ferien habe, bin ich auch nicht sofort erreichbar – und bisher hat das immer auch ohne das funktioniert.

Ein Tag ohne Handy – ginge das für Euch? Oder würdet ihr Euch „ohne“ nackt fühlen?

Bluetooth oder gaga?

Früher war es einfach. Wenn jemand in den Laden kam, der mit sich selbst redete oder gar wild in der Gegend herumgestikulierte, dann konnte man ziemlich sicher sein, dass man es mit einer eher verrückten Person zu tun hatte.

Heute muss man schon besser hinschauen, ob sich am Ohr nicht eines dieser Bluetooth Geräte befindet und die Person nicht ein etwas angeregteres Telefon-Gespräch hält.

Andererseits …wenn man das Bedürfnis hat durch die Stadt zu laufen oder einkaufen zu gehen  und dabei ständig mit jemandem zu reden, der nicht nebendrangeht … ist das auch ein bisschen verrückt, oder?

Die moderne Heimsuchung: Handys

Eines der Dinge die ich nicht ausstehen kann, nie konnte und wohl auch nicht mehr werde sind Natels, genauer gesagt Leute, die das Gefühl haben, sie müssten jederzeit und immer erreichbar sein. Leute, die wegen jeder Kleinigkeit telefonieren („Schatz, ich bin jetzt an der Station XY, ich bin in 10 Minuten zu Hause“). Ein Freund hat mal gesagt: „Wo waren eigentlich all die Schlangen vor den Telefonkabinen früher? Wenn die Leute vor den Natels soviel telefoniert haben, müssten die Kabinen eigentlich nonstop belegt gewesen sein.“

Ich bin ja der Meinung, man muss nicht immer erreichbar sein. Es gibt genug Orte, wo es besser wäre das Natel abzuschalten -nicht nur im Kino oder Theater. Oder finden Sie es toll, wenn ihre Verabredung im Restaurant alle paar Minuten am Natel hängt, weil eine Freundin gerade jetzt wissen will, was sie macht (sie selbst sitzt im Bad) oder die Arbeitskollegin nur rasch eine Frage hat wegen einem Formular etc. all das kann warten, oder?

Genau so empfinde ich auch in der Apotheke. Da ist man mitten in einer Beratung, da klingelt das Natel des Kunden. Statt dass er es abstellt (die Nummer wird ja gespeichert, man kann zurückrufen) oder es abnimmt und sagt „Ich bin beschäftigt, ich ruf zurück, tschüss“, nimmt er ab und beginnt ein längeres Gespräch „Ja, hallo. Nein, ich bin gerade in der Apotheke. Nein, kein Problem, Du störst nicht. … aha … ja, das habe ich mir schon gedacht, da war doch diese ……“

Und das ist dann der Moment, wo ich den Kunden einfach stehenlasse und mich dem nächsten zuwende. Er ist nämlich nicht alleine in der Apotheke und ich finde es eine Frechheit, wenn er nicht nur mich, sondern auch noch die paar hinter ihm warten lässt, nur um die neusten Gerüchte anzuhören.

Dieser Kunde darf dann sein Gespräch beenden – und warten, bis ich mit dem anderen fertig bin.

Nur damit wir uns verstehen: ich habe nichts dagegen, wenn der Ehemann rasch seine Frau anruft, um sich zu versichern, dass er auch das Richtige mitbringt. Wobei – dabei stellt sich bei mir die Frage: was haben diese Leute vor den Natels gemacht? Diese Dinger fördern nur die Unselbständigkeit.

In dem Zusammenhang fällt mir immer Ray Bradburys Buch „The murderer“ ein. Ich hatte so ein AHA Erlebnis, als ich es gelesen habe. Geschrieben 1953 (!) hat er so viele von den heutigen technischen Errungenschaften und die damit einhergehenden sozialen Veränderungen hervorgesehen. Die Welt in der der Protagonist lebt könnte heute sein, oder ein nicht sehr fernes morgen. Jedermann hat ein „wrist radio“, ein Handgelenk Radio, über das er telefonieren, Musik hören etc. kann (hört sich doch an wie die heutigen Natels?). Die ganze Welt ist verbunden … und nirgendwo ist mehr wirkliche Ruhe. Und irgendwann fängt der Protagonist an durchzudrehen und die technischen Geräte zu ermorden…

hier sind 2 Auszüge:

There sat all the tired commuters with their wrist radios, talking to their wives, saying, ‚Now I’m at Forty-third, now I am at Forty-fourth, here I am at Forty-ninth, now turning at Sixty-first.‘ One husband  cursing,  ‚Well,  get  out of that bar, damn it, and get home and get dinner  started,  I’m at Seventieth!‘ And the transitsystem radio playing ‚Tales from  the Vienna Woods,‘ a canary singing words about a first-rate wheat cereal. Then  I  switched  on my diathermy! Static! Interference! All wives cut off from husbands  grousing about  a  hard  day at the office. All husbands cut off from wives  who  had  just  seen  their  children  break a window! The ‚Vienna Woods‘ chopped down, the canary mangled! Silence!  A terrible, unexpected silence. The bus  inhabitants  faced  with  having to converse with each other. Panic! Sheer, animal panic!“

…und später …

„But  they  went  too  far.  If  a  little music and ‚keeping in touch‘ was charming,  they  figured  a lot would be ten times as charming. I went wild! I got  home to find my wife hysterical. Why? Because she had been completely out of  touch  with  me  for  half a day. Remember, I did a dance on my wrist radio? Well, that night I laid plans to murder my house.“
„Are you sure that’s how you want me to write it down?“
„That’s  semantically  accurate.  Kill  it dead. It’s one of those talking, singing,    humming,    weather-reporting,    poetry-reading,    novel-reciting, jingle-jangling,   rockaby-crooning-when-you-go-to-bed   houses.  A  house  that screams opera to you in the shower and teaches you Spanish in your sleep. One of those  blathering  caves  where all kinds of electronic Oracles make you feel a trifle  larger  than  a thimble, with stoves that say, „I’m apricot pie, and I’m done.‘  or  ‚I’m prime roast beef, so haste me!‘ and other nursery gibberish like  that. With beds that rock you to sleep and shake you awake. A house that_barely tolerates  humans, I tell you. A front door that barks: ‚You’ve mud on your  feet,  sir!‘ And an electronic vacuum hound that snuffles around after you from  room  to  room,  inhaling every fingernail or ash you drop. Jesus God, I say, Jesus God!“

Natürlich habe auch ich ein Natel (für nicht-Schweizer: das ist ein Handy). Aber es gibt Zeiten (häufig), da ist es abgestellt. Ich muss nicht immer erreichbar sein, oder?