Von der guten zur schlechten Apothekerin in ein paar Stunden

Wann bin ich eine gute Apothekerin? Die Meinungen da gehen sicher auseinander, wann und wen man fragt.

Das richtige Medikament in der richtigen Dosierung dem richtigen Patienten. So steht es in der Jobbeschreibung. Und das ist auch das, womit wir in der Apotheke (unter anderem) unser Geld verdienen: Medikamente abgeben und verkaufen.

Also … sollte es zu denken geben, wenn wir das einmal nicht machen. Oder?

Statt dessen bin ich für den Patienten (oder Angehörigen) die böse Apothekerin, weil ich etwas nicht abgebe.

So wie letztens. Abends nach 6 Uhr kommt der Mann einer Patientin zu uns, die nicht mehr alleine aus dem Haus kommt. Er möchte gerne ein Antibiotikum gegen die Blasenentzündung, das sie auch schon verschrieben bekommen hat: . Er beschreibt die entsprechenden Beschwerden, weshalb ich ihm das mitgebe, als Vorbezug. Da sie am anderen Morgen sowieso zum Arzt geht, dürfte es kein Problem sein, das Rezept dazu nachzuliefern. Soweit so gut – da bin ich immer noch die gute Apothekerin in Augen des Angehörigen und Patienten.

Das ändert am nächsten Morgen, als er um 9 Uhr in der Apotheke steht und (noch) eine Packung Fosfomycin will. Er kommt grad vom Arzt, der habe ein Dauerrezept für das Antibiotikum ausgestellt und er braucht jetzt (mindestens) eine weitere Packung zur Fortführung der Therapie.

Oh? Umm – Nein.

Abgesehen davon, dass kein Dauerrezept gekommen ist, bin ich der Überzeugung, dass er da etwas falsch verstanden hat. Das Antibiotikum Fosfomycin wird als Einmaldosis genommen. Richtig genommen (und es wurde gestern genau instruiert), wirkt es … und zwar noch ein paar Tage nach. Die Beschwerden können heute (natürlich) noch da sein, sollten aber weggehen. Und wenn nicht – braucht es ein anderes Antibiotikum. Später.

Ich versuche ihm das zu erklären, aber er kann oder will nicht verstehen. Also rufe ich beim Arzt an.

Und der erzählt mir, dass die Urinprobe von ihr heute morgen „bland“ war und sie gar kein Antibiotikum braucht. Das habe er dem Angehörigen auch gesagt. Aber ein Dauerrezept sei trotzdem unterwegs (sind noch nicht dazu gekommen, es zu schicken). Es sei kein Problem, wenn sie das gelegentlich nehme … – soviel zum gezielten Einsatz von Antibiotika :-(

Ich durfte dann noch gute 20 Minuten mit dem Angehörigen diskutieren, weshalb er heute kein Fosfomycin mitbekommt. Dabei bekam ich (laut) Sätze zu hören wie: „Aber sie braucht das!“, „Der Arzt hat es verschrieben und sie müssen es mir jetzt abgeben“, „Das verstehe ich nicht als Laie“ –

Ja, aber ICH bin kein medizinischer Laie und ich gebe mein bestes, ihnen meine Entscheidung – die nur zum Besten der Patientin ist – zu erklären. Er kann ein anderes Mal eine Packung haben – aber jetzt ist das überhaupt nicht angezeigt.

Nützte alles nichts. War der sauer, als er ging :-(

Natürlich – ich hätte es geben können … Dauerrezept wäre dann auch vorhanden, wieviele Packungen dürfen es denn sein? 2? 3? oder 5 für eine 5-Tagestherapie? Weiss man eigentlich schon, was bei so einer Überdosierung des Antibiotikums ausser massiv Magen-Darmproblemen und Resistenzentwicklung noch passiert? Dem Arzt war das ja offenbar auch egal … dann sollte es mir das auch sein?

16 Antworten auf „Von der guten zur schlechten Apothekerin in ein paar Stunden

  1. Ein kleines Gedicht über die Apotheke:

    DIE APOTHEKE

    Ein traditionsreiches Gewerbe
    Pflegt sein Jahrhunderte altes Erbe;
    Von ersten Vorläufern im alten Rom
    Und Paracelsus zum Pharmadiplom.

    Es wird dekantiert, filtriert, titriert;
    Man mixt hoch wirksame Tinkturen.
    Puder und Salben werden offeriert,
    Auch Hilfsmittel für diverse Kuren.

    Die Säurehemmer florieren,
    Dauerbrenner ist Aspirin.
    Es gibt was für Blase und Nieren,
    Für jedes Leid eine Medizin.

    Wenn uns eine Krankheit plagt,
    Ist die Apotheke der Ort.
    Fachkompetenz ist gefragt,
    Wir vertrau’n Apotheker’s Wort.

    Rainer Kirmse , Altenburg

    Mit freundlichen Grüßen

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  2. Das ist ja wirklich gruselig… Jeder weiß doch, dass ein Antibiotikum auf keinen Fall zur Dauereinnahme dienen soll.
    Mich wundert in 1. Linie, dass der Arzt-dem man in der Regel vertraut- sowas inflationär verschreibt und dass der Angehörige so uneinsichtig ist. Bei ihm müssten doch auch die Alarmglocken schrillen… Auweia

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  3. „In 90% der Fälle lohnt es sich nicht, sich mit einem Kunden zu streiten“, hatte mal jemand gesagt…
    Das Kompendium sagt klar „als Einzeldosis“. Aber der Arzt kann ja hundert Einzeldosen verschreiben… Therapiefreiheit…

    Nunja, die Symptome lassen sich gut beschreiben, das Medi ist auch nur für einmal… hätte es auch abgegeben, stücke ich im Kittel von Bimed.

    Interessant das Kompendium:

    „Antibiotikabedingte Diarrhö wurde bei der Verwendung von fast allen Antibiotika, inklusive Fosfomycintrometamol, berichtet. Der Schweregrad kann von leichtem Durchfall bis hin zu tödlicher Kolitis reichen.“

    Unter „Unerwünschte Wirkungen“ steht dann:

    „Nicht bekannt: Antibiotika-bedingte Kolitis.“

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  4. „In 90% der Fälle lohnt es sich nicht, sich mit einem Kunden zu streiten“, hatte mal jemand gesagt…
    Das Kompendium sagt klar „als Einzeldosis“. Aber der Arzt kann ja hundert Einzeldosen verschreiben… Therapiefreiheit…

    …in diesem Fall hätte ich es auch abgegeben. Interessant das Kompendium:

    „Antibiotikabedingte Diarrhö wurde bei der Verwendung von fast allen Antibiotika, inklusive Fosfomycintrometamol, berichtet. Der Schweregrad kann von leichtem Durchfall bis hin zu tödlicher Kolitis reichen.“

    Unter „Unerwünschte Wirkungen“ steht dann:
    „Nicht bekannt: Antibiotika-bedingte Kolitis.“

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  5. Genau deshalb habe ich Fosfomycin gar nicht mehr im Sortiment meiner Praxisapotheke. Viele Patienten glauben einfach nicht, dass eine Einmaldosis ausreicht, das senkt Compliance und Placeboeffekte. Lieber 5 Tage lang Cotrimoxazol oder Ciprofloxacin, da wissen die Leute 2x täglich, was sie daran haben.

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    1. Bei Flourchinolonen – insbesondere Ciprofloxaxin – wurde in den letzten Jahren mehrfach von der (deutschen) AMK (Arzneimittelkommission der Apotheker) darauf hingewiesen, dass ein inflationärer Gebrauch zu unterlassen sei, und das Produkt eigentlich nur nach strenger Indikation (inklusive Antibiogramm) zu verwenden sei, da verstärkt Nebenwirkungen wie Achillessehenrupturen berichtet wurden. Die AMK erwartet also von den deutschen Apothekern, alle Nase lang die Ärzte (und insbesondere die Urologen) darauf hinzuweisen, dass das derzeit mit bestwirksamste Arzneimittel gegen Infektionen des Harntrakts nicht verordenet werden soll. Das ist natürlich unsinnig, und Cipro läuft nach wie vor wie geschnitten Brot, aber so ist die behördliche Anweisung.

      Unabhängig davon steht unter „Nebenwirkungen ohne Angabe der Häufigkeit“ in der Zwischenzeit:
      allgemein: Fluorchinolone stehen unter dem Verdacht, den Abbau von Kollagen zu verursachen. Deshalb bestehen Bedenken, dass diese Antibiotika schwerwiegende Kollagen-assoziierte Nebenwirkungen wie Aneurysmen oder gar Dissektionen der Aorta auslösen.

      Ach ja, und 2017 war auch noch diese Meldung: Im August informierte die AMK über Einschränkungen der systemischen Anwendung bestimmter Fluorchinolone (Ciprofloxacin, Ofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin) bei akuter bakterieller Sinusitis, akuter Exazerbation einer chronischen Bronchitis und unkompliziertem Harnwegsinfekt durch die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA. Körperlich behindernde und potentiell permanente unerwünschte Wirkungen beeinflussen das Nutzen/Risiko-Verhältnis negativ. Die FDA riet, Fluorchinolone bei den genannten Infektionen nicht mehr einzusetzen, wenn alternative Antibiotika zur Verfügung stehen. Bei unerwünschten Wirkungen soll das Fluorchinolon sofort abgesetzt und auf ein anderes Antibiotikum umgestellt werden. In Deutschland werden auch Norfloxacin und Enoxacin systemisch angewendet; für Ciprofloxacin, Levofloxacin und Moxifloxacin bestehen in der EU bereits Einschränkungen für die genannten Infektionen (Pharm. Ztg. Nr. 31 vom 4. August 2016, Seite 59)

      Mir ist dabei klar, dass diese Einschränkungen außerhalb eines Klinik-Umfeldes ziemlich schwer umzusetzen sind. Langfristig sehe ich da aber, dass es zu einem Komplettverbot der Flourchinolone nur deshalb nicht kommen wird, weil man keine Alternativen hat. Andererseits wurde größtenteils alternativlos (oder mit meist für die wirklich Betroffenen nur schlechte[re] Alternativen) auch schon z.B. Tetrazepam, Flupirtin und Ergotamin gestrichen…

      Gerade beim Flupirtin war es so, dass jahrelang vorher betreffend der Leberschädigung immer wieder Indikations- und Anwendungsdauer-Einschränkungen gemacht wurden, um die sich wenig gekümmert wurde bei der Verordnung. Dann zog man behördlicher Weise halt die Notbremse. Danach war dann das Gejammer groß, aber der Wirkstoff eben begraben.

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      1. Du musst gar nicht mal die FDA aus den USA zitieren.
        Im April 2019 gab es einen „Rote-Hand-Brief“ vom deutschen BfArM, dass Fluorchinolone (also auch Ciprofloxacin) bei einer Zystitis nicht mehr verschrieben werden dürfen, es sei denn andere Antibiotika werden als ungeeignet erachtet.

        Das ist aber offensichtlich nicht bei jedem Arzt angekommen, wenn ich mir die Rezepte so ansehe. Ich gehe davon aus, dass Ciprofloxacin aus genau diesem Grund in einem bis zwei Jahren vom Markt genommen wird. Das hat man ja bei anderen Arzneimitteln, die Ärzte trotz Warnungen weiter verschrieben haben, genauso gemacht.
        Dann wird natürlich das Gejammer wieder groß sein…

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        1. Bloß die FDA-Warnung wr schon 2016, und die AMK rappelt schon seit 2017. Konsequenz in D bisher…. nicht sichtbar, meiner bescheidenen Meinung nach. Aber ich kann mich auch irren, da müßte man in den Verordnungsreport der Kranken Kassen nach forschen.

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          1. Rote Hand Brief gibts bei uns so nicht, aber die Richtlinien sagen auch schon ein paar Jahre dass Fluorochinolone nur noch als Reserveantibiotika eingesetzt werden sollen. Deshalb hat mich Flos Aussage auch etwas verwundert. Bei uns haben nämlich die meisten wirklich umgestellt.

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            1. Das mit dem „sparsamen Einsatz“ von Reserve-Antibioika habe ich auch lange Zeit geglaubt und propagiert. Dann habe ich erfahren, dass unter anderen „Colestin“ als Reserveantibiotinkum für Menschen in der Geflügelmast TONNENWEISE angewendet wird. Ein fraglicher Tierarzt meinte dann in diesem Zusammenhang: Das Tierwohl geht über alles, daher ist der massenhafte Einsatz von Reserveantibiotika gar nicht zu vermindern… Siehe auch hier von 2017

              Übrigends zum Preis:
              – 10 Infusionsflaschen Colistin 1 Mill.I.E. (Colistin, ca. 33mg Wirkstoff) liegen dann bei 181,46Euro.
              – Carbophen C 1000 Pulver vet. (Colistinsulfat; ca. 50mg Wirstoff pro 1Mill. I.E.) liegt 3000g bei 36,60Euro.
              – Also kostet 1g für den Menschen ca. 59,88€; 1g für die Geflügelmast ca. 0,01Euro.

              Soviel zu „Reserveantibiotikum“…. Da brauchen dann die Ärzte auch nicht mehr rumknausern, so traurig und so gefährlich diese Einstellung auch ist.

              Übrigens ist der gefährlichste Hort für MRSA derzeit nicht etwa das schlecht desinfizierte Krankenhaus, sondern Schweinezuchtbetriebe. Einen Angestellten dort kann ich im Krankenhaus innerhalb von Wochen MRSA-frei desinfizieren, und innerhalb 2 Tage nach Wiederarbeitsaufnahme hat er MRSA WIEDER in auf der Nasenschleimhaut siedeln. Blöd? Aber Realität…

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            2. Hmmm, also ich hatte zuletzt immer wieder Fälle, wo Ciprofloxacin im Spital (und darüber hinaus) gegeben wurde. Scheint sich hier in der Gegend also noch nicht herumgeschwiegen zu haben.

              Abgesehen davon sehe ich in der letzten Zeit immer öfter Resistenzen auf Cotrimoxazol, und dann ist Cipro immer noch lt Guidelines Mittel der Wahl beim HWI.

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  6. Da bin ich ja fast schon froh, dass wir sowas ohne Rezept so gar nicht abgeben dürfen. Und Dauerrezept über Antibiotikum? Au weia! Da muß man sich über Resistenzen ja nicht wunder.
    Ist ja genauso schlimm wie der Arzt bei uns um die Ecke, der quasi jedem Erkältungspatienten sozusagen prophylaktisch ein Antibiotikarezept mitgibt mit der Aussage : „falls sie Fieber bekommen“!!!

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    1. Ich erinnere mich mit Grausen an den Arzt, der fast jeden grippalen Infekt mit einem Rezept über Doxycyclin + Thomapyrin entlassen hat. Ja, kein Tippfehler oder Scherz, Thomapyrin. :-(

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  7. Als Gehörloser, der durch Streptomycin ertaubt ist, kann ich da nur in die Tischkante beissen.

    Der Arzt gehört in den Hintern getreten, daß der Stiefel stecken bleibt. Der Patient ist aber auch nicht gerade eine Leuchte…

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    1. Nein ist er nicht – um so wichtiger ist es hier das korrekt zu machen und so zu kommunizieren.

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