Vermeide das K-Wort

Ich bin noch etwas „schuldig“ vom Twitter-Tag. Die Geschichte, die mich mit einem etwas üblen Nachgeschmack und ziemlich nachdenklich hinterlassen hat, die aber zu lange war für die 140 Zeichen-Folge.

Dafür muss ich etwas ausholen. Seit letztem November oder so sind wir von der Swissmedic (dem Kontrolldienst für Medikamente in der Schweiz) angehalten, Patienten, die Blutdruckmedikamente mit dem Inhaltstsoff Hydrochlorothiazid nehmen – das ist vor allem in Kombinationsmitteln enthalten – darauf hinzuweisen, dass es da neue Erkenntnisse gibt.

Meldung der Swissmedic:Die Zulassungsinhaberinnen … informieren:

  • Pharmakoepidemiologische Studien haben ein erhöhtes Risiko für nicht-melanozytäre Malignome der Haut (NMSC) in Form von Basalzell- und Plattenepithelkarzinomen unter zunehmender kumulativer Exposition gegenüber Hydrochlorothiazid (HCTZ) gezeigt.
  • Patienten, die HCTZ allein oder in Kombination mit anderen Arzneimitteln anwenden, sind über das NMSC-Risiko aufzuklären und anzuweisen, ihre Haut regelmässig auf jegliche neu aufgetretenen Läsionen sowie Veränderungen vorhandener Läsionen zu kontrollieren und jegliche verdächtigen Hautveränderungen zu melden.
  • Verdächtige Hautveränderungen sind zu untersuchen, gegebenenfalls mittels Biopsie und histologischer Analyse.
  • Patienten sind anzuweisen, sich nur begrenzt Sonnenlicht und sonstiger UV-Strahlung auszusetzen und bei Sonnen-/UV-Exposition angemessenen Lichtschutz zu verwenden, um das Hautkrebsrisiko zu minimieren.
  • Bei Patienten mit Malignomen der Haut in der Vorgeschichte ist die Anwendung von HCTZ möglicherweise sorgfältig zu überdenken

Oder in Kurz: Wahrscheinlich besteht ein erhöhtes Risiko für (empfindliche) Personen, die das Blutdruckmedikament mit HCT über längere Zeit einnehmen, dass sie Hautkrebs bekommen.

Und das sollen wir ihnen jetzt erklären bei der Abgabe – möglichst ohne sie so zu verunsichern, dass sie das Medikament absetzen, das wäre nämlich akut ein grösseres Gesundheitsrisiko.

Nun habe ich also am Mittwoch diese wirklich alte Patientin, die mit der hilfreichen Nachbarin in die Apotheke kommt und ein Bilol comp von ihrem Dauerrezept holen kommt (das ist Bisoprololi fumaras (2:1); Hydrochlorothiazidum). Also hole ich es, schreibe es an und sage bei der Abgabe:

„Ich soll neu zu diesem Medikament sagen, dass es möglicherweise vermehrt Hautveränderungen machen kann – vor allem, wenn man an die Sonne geht. Bitte schützen Sie sich gut vor der Sonne und kontrollieren Sie von Zeit zu Zeit ihre Haut auf Veränderungen.“

„Was?“ fragt mich die alte Frau. Ich hätte daran denken sollen, dass sie schwerhörig sein könnte. Also schaue ich ihr in die Augen und sage deutlich noch einmal:

„Das Medikament kann Hautveränderungen machen … „

Und genau da sehe ich etwas. Auf ihrer Nase. Da ist eine Läsion die für mein Mittel-geübtes Auge deutlich nach einem Basaliom aus. Erhabener Rand, perlig schimmernd, Loch in der Mitte – und schon fast 1cm Durchmesser. Mist. Also stolpere ich etwas, fahre dann aber weiter:

„…So wie das auf ihrer Nase. Das sollten Sie unbedingt von ihrem Arzt anschauen lassen!“

Sie beginnt sofort abzuwinken: „Ach was, ich will nicht zum Arzt. Mir gehts gut. Das ist reine Zeitverschwendung“

„Ja, aber diese Hautveränderung … das wird tiefer werden …“

„Neinnein, das geht schon.“

Die Nachbarin, die bis jetzt ruhig daneben gestanden hat und die ich fast vergessen habe:

„Hör doch auf die Apothekerin! Ich habe Dir auch schon gesagt, dass Du das zeigen gehen sollst. Das sieht wirklich nicht gut aus.“

„Ach was, das macht doch nichts … das ist schon eine Zeit so.“

„Ja – aber das könnte Hautkrebs sein …“ (Da. Ich hab’s gesagt. Das K-Wort, das man eigentlich vermeiden sollte. Aber wie mache ich ihr sonst deutlich, dass das bei ihr etwas „dringenderes“ ist?) „Und ich würde mich wirklich besser fühlen, wenn ich weiss, dass sie das abklären lassen.“

Sie liess sich nicht überzeugen. Hat sie mich wirklich verstanden? Akustisch und intellektuell? Die Nachbarin meinte noch beim Rausgehen, dass sie versuchen würde etwas auf sie einzuwirken. Aber es hat mich schon etwas nachdenklich gemacht. Gut – sie ist alt. Über 90. Aber ausser dass sie nicht mehr so mobil ist und etwas schwerhörig ist sie noch ziemlich fit. Jetzt kann man wohl noch (relativ einfach) etwas machen. Später wird das schwieriger.

Einer der Hautärzte hat in einer Weiterbildung letztens gemeint: „Nun, das ist jetzt böse, aber die Frage ist: ‚Wie krebsfrei soll die Leiche denn sein‘?“ – denn es ist nicht unüblich, dass im Alter (aus verschiedenen Gründen) mehr Krebsarten auftreten und man muss nicht zwingend alles und alle behandeln.

Und auch meine Kollegin meinte: „Vielleicht würde ich in dem Alter auch nicht mehr zum Arzt wollen.“

Trotzdem. Das Gefühl danach war nicht wirklich schön. Ich würde mich besser fühlen, wenn ich wüsste, dass sie sie Entscheidung da nichts zu machen trifft, wenn sie die Konsequenzen davon wirklich kennt.

Und irgendwie bin ich mir da nicht so sicher.

11 Antworten auf „Vermeide das K-Wort

  1. Jaja, das K-Wort… das darf man hier, wo ich wohne, überhaupt nicht erwähnen. „Er/sie hat die Krankheit“, muss es heissen. Da kann ich mich gar nicht dran gewöhnen, auch nach 17 Jahren nicht. „Die Krankheit“ ist ja nicht weniger gefährlich oder beängstigend, wenn man sie nicht benennt. Ich jedenfalls bevorzuge Klartext. Sogar, wenn dieser das K-Wort beinhaltet.

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  2. Ich kann verstehen, dass Dir das ein schlechtes Gefühl macht. Aber man kann nur denen helfen, die Hilfe möchten. Spare Deine Energie für diese, denn die anderen werden ohnehin nichts ändern (lassen).

    Mit Ü90 überlegt man sich schon genau, welchen Stress und welche Sorgen man sich überhaupt noch antun will. Hautkrebs wird ja gerne als „nicht so schlimm“ angesehen; dass das mitunter ganz schön weh tun kann und genauso wie jeder andere Krebs auch streuen kann vergessen die meisten.

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  3. Das ist bestimmt ein übles Gefühl.
    Aber die Entscheidung „was zu machen“ kann auch sehr unschöne Konsequenzen haben. Umso älter und schwächer jemand ist, umso mehr dreht sich die medizinische Interventionenspirale und die frisst massiv Lebensqualität.
    Das scheint die alte Dame ja zu wissen…

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  4. Wie gepflegt tritt die Dame denn auf? Vielleicht hätte man sie bei der Eitelkeit packen können? Die Basaliome wachsen gerne zerstörend. Wenn klar wird, dass das Ding langsam ein Loch in die Nase „fressen“ wird, würde sie eher was machen lassen. Noch wäre es jetzt – bei Entfernung der Läsion – ein kleines Loch. Später kann es deutlich größer sein.

    Allerdings, ab einem bestimmten Alter sind die Leute da sehr fatalistisch und „wollen“ auch mit Recht nicht mehr alles machen lassen. Zusätzlich wachsen einige „K“-Arten im Alter sehr viel langsamer als bei jüngeren Menschen.

    Ein Nachbar hatte sehr viele dieser Basaliome, die ersten traten auf, da war er so Mitte Siebzig: an Nase, Wangen, Ohrmuscheln, Stirn – anfangs hat er alle entfernen lassen. Sie kamen immer wieder nach. Zuletzt hatte er auch etliche Metastasen; die letzten Basaliome ließ er gar nicht mehr entfernen. Es „reichte“ ihm. Mit Mitte Achtzig starb er.

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  5. Liebe Bimed, ich kann dich gut verstehen, aber ich kann auch die alte Dame verstehen. Aus Erfahrung mit der eigenen Großmutter weiß ich, daß diese Information sehr wohl auf ihre Dringlichkeit hin verstanden wird. Aber es wird eine Intervention aus tiefster Überzeugung abgelehnt – meist mit den Gedanken „In meinem Alter wächst das sicher nicht mehr so schnell.“ Meine Großmutter hatte mit 87 Jahren eine Darmkrebs-OP, hat drei Jahre danach die Nachsorgeuntersuchungen (super mühsam – Coloskopie!!) abgelehnt, und ist seit 2 Wochen 99 Jahre alt. Ich finde, man kann ihr schon auch zugestehen, daß sie sich die Mühsal und auch die Angst der Untersuchungen nicht mehr antun möchte.

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  6. Ich bin nur ein junger Kerl von 21 Jahren, und das Thema Krebs ist für mich noch ganz weit weg (hoffentlich) aber ich finde aus meiner Position heraus so eine Tabuisierung schrecklich. Ja, is alles nicht schön, aber ist vermeiden nicht schon sehr ähnlich zu verdrängen? Und ist verdrängen nicht die Lüge an sich selbst? Ich würde das nicht wollen. Aber man merkt schon an der gehäuften Verwendung der 1. Person Singular, was für ein subjektives Thema das ist.

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    1. Das Problem mit dem K-Wort ist halt das viele damit noch immer eine Art Todesurteil verbinden. Was so ganz sicher nicht korrekt ist. Im Sinne eines Patienten ist es da schon angebracht der Assoziation aus dem Weg zu gehen wenn sonst eine Genesung durch Nocebo oder Verweigerung der Medikation gefährdet wird.

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  7. Ich bin kein Freund von Euphemismen – egal in welcher Lebenslage. Man muss das Kind klar beim Namen nennen können und sollte nicht durch die Sprache etwas beschönigen, was man nicht beschönigen sollte.
    * Ein Krieg ist ein „Krieg“ und kein „Konflikt“. Seit gefühlt zwanzig Jahren gibt es in den Medien sprachlich keine „Kriege“ mehr, sondern nur noch „Konflikte“.
    * Die unvorhergesehene, vielleicht eingeplante Tötung (oder Ermordung) von Zivilpersonen im Krieg ist genau das – und kein „Kollateralschaden“.
    * Ein „präventiver Militärschlag“ ist das, was man – wenn man das Kind beim Namen nennt – realistisch als „Angriffskrieg“ bezeichnet.
    * Menschen werden bei ihrer Arbeit „entlassen“ und nicht „freigestellt“.
    * Und ja: Eine ungelernte Putzfrau ist eine „Putzfrau“ und keine „Reinigungsfachkraft“. Es handelt sich dabei um einen Beruf, den ich sehr schätze. Das ist harte körperliche Arbeit.

    Bei der von Dir beobachteten „Hautveränderung“ schlage ich in der Apotheke die folgende Formulierung vor: „Das was ich da sehe, kann etwas sehr, sehr ernstes sein. Bitte suchen Sie innerhalb von einer Woche einen Arzt auf.“ Der Grund für diese Formulierung ist, dass wir Apotheker nicht diagnostizieren können und dürfen. Dies obliegt alleine dem Arzt. Aber wir Apotheker dürfen, sollten und müssen eine Person darauf hinweisen. Was die Person mit dieser Information anfängt, ist ihre Sache.

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  8. Es gibt da noch einen Trick. Das (weitere) Erklären einfach sein lassen. Die Meldung im Pharmakologendeutsch, wie man sie hat mit allen Anweisungen und Anlagen einfach kopieren und der Kundin in die Hand zu drücken mit dem Hinweis, dass man dazu angewiesen wurde und sie aufklären muss und wenn sie das nicht versteht, kann sie ja zu ihrem Arzt gehen.
    Wohlgemerkt, das soll natürlich kein Ersatz sein, für das Erklären des Fachjargons sein, was ja Teil der Kernaufgabe des Apothekerjobs ist, sondern das kommt danach. Ältere haben oft Skrupel mit etwas, was sie als Kleinigkeit oder Äußerlichkeit sehen, zum Arzt zu gehen. Es senkt diese Hemmschwelle, wenn man sie mit Papieren ausstattet.

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