Wie man „schwupps“ einen ganzen Berufsstand degradiert – am Beispiel Apotheker

Währenddessen in Deutschland:

Worüber sich Apothekerin Kossendey hier so (gerechtfertigt) aufregt? Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat überraschend (und unnötigerweise) den Apothekerberuf neu definiert. Angeregt von einer EU-Richtlinie wo es dann eigentlich um die Anerkennung von anderen Apotheker-Diplomen geht, hat er mal kurz die Definition eines Apothekers überarbeitet – etwas, wo die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) seit längerem dran ist, schafft er in ein paar Wochen.

vorher: „Ausübung einer pharmazeutischen Tätigkeit, insbesondere die Entwicklung, Herstellung, Prüfung oder Abgabe von Arzneimitteln unter der Berufsbezeichnung ‚Apotheker‘ oder ‚Apothekerin’“.

Neu heißt es: „Ausübung des Apothekerberufs ist die Ausübung einer pharmazeutischen Tätigkeit unter der Berufsbezeichnung ‚Apotheker‘ oder ‚Apothekerin‘.“

Anschließend werden „die“ zehn Bereiche genannt, die pharmazeutische Tätigkeiten im Besonderen umfassen:

  1. Herstellung der Darreichungsform von Arzneimitteln
  2. Herstellung und Prüfung von Arzneimitteln
  3. Arzneimittelprüfung in einem Laboratorium für die Prüfung von Arzneimitteln
  4. Lagerung, Qualitätserhaltung und Abgabe von Arzneimitteln auf der Großhandelsstufe
  5. Bevorratung, Herstellung, Prüfung, Lagerung, Verteilung und Verkauf von unbedenklichen und wirksamen Arzneimitteln der erforderlichen Qualität in der Öffentlichkeit zugänglichen Apotheken
  6. Herstellung, Prüfung, Lagerung und Verkauf von unbedenklichen und wirksamen Arzneimitteln der erforderlichen Qualität in Krankenhäusern
  7. Information und Beratung über Arzneimittel als solche, einschließlich ihrer angemessenen Verwendung
  8. Meldung von unerwünschten Arzneimittelwirkungen an die zuständigen Behörden
  9. personalisierte Unterstützung von Patienten bei Selbstmedikation
  10. Beiträge zu örtlichen oder landesweiten gesundheitsbezogenen Kampagnen

Alles recht und gut, ABER: Man beachte, dass die Liste eingeleitet wird mit „insbesondere“ – in der EU Richtlinie, auf der sie beruht heißt es immerhin „mindestens“. Das ist eine Einschränkung.

Da fehlt noch einiges: Es gibt viele Apotheker, die in der Industrie arbeiten in Wissenschaft und Forschung oder der Zulassung der Arzneimittel auch bei Behörden und was ist mit den Apothekern, die in den Spitälern teils bei der Visite dabei sind und für die richtige Medikation sorgen? Was ist mit der Lehr- und Ausbildungstätigkeit? Was mit den vieldiskutierten Medikationsplänen, der Zusammenarbeit in Gesundheitszirkeln mit Ärzten?

Faktisch werden hier Apotheker von der Politik zu fast reinen Medikamenten-Krämern degradiert und das auch noch politisch festzementiert. Darüber regt sich jetzt Widerstand wie der von Frau Kossendey. Zu Recht, denn wie sich diese praktische Einschränkung in Zukunft auswirkt weiss natürlich noch keiner … aber wenn man sieht, wie die deutschen Krankenkassen gerade derartige gesetzliche Vorlagen zu ihren Gunsten auslegen, weiss, dass da nichts Gutes kommen kann. :-(

12 Antworten auf „Wie man „schwupps“ einen ganzen Berufsstand degradiert – am Beispiel Apotheker

  1. Das ist dann „nur“ der nächste Berufsstand, den Herr Gröhe so behandelt. Hast Du wahrgenommen, was in Deutschland gerade in der Geburtshilfe passiert?

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  2. Ohne mich jetzt ins Thema vertieft zu haben: Bei uns Juristen bedeutet „insbesondere“ eine beispielhafte, nicht abschliessende Aufzählung.

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    1. Und bei uns Apothekern wird jedes Wort im Gesetz gegen uns ausgelegt – und das ganze auch noch gerichtlich bestätigt.

      Hier sei mal an die verbale Ohrfeige des BVG erinnert, Null-Retaxationen ohne „Heilungs“möglichkeit seien ein Eriehungsmittel, mit denen die Kranken Kassen die Apoheker zu ordentlicher Arbeit erziehen. Soso, in (fast!?) JEDEM anderen Beruf hat man das Recht, eine fehlerhafte Rechnung zu korrigieren – nur Apotheken werden wegen einem Fliegendreck auf dem Rechnungsbeleg legal um die Zeche geprellt… Solches Vorgehen hinterläßt leider Spuren, und ich kann jeden Apotheker verstehen, der sehr argwönisch auf jedes auch nur ein wenig dehnbare Wort aus der Politik äugt. Die Geschichte mit dem gebrannten Kind und dem scheuen Feuer…

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  3. Ich habe mir das Video von Frau Kossendey noch nicht angesehen. Aber summa summarum finde ich die Liste von Herrn Gröhe eigentlich gut. Er hat Nägel mit Köpfen geschaffen. Etwas, was die ABDA schon seit Jahren nicht mehr zustande bekommt.

    Ich muss diese Argumentation erläutern: Wir in der Industrie haben schon seit Jahren das Problem, dass unsere Tätigkeit bei der Rentenversicherung BUND nicht mehr für eine Befreiung von der Rentenversicherungspflicht zugunsten einer – für uns besseren – Mitgliedschaft in der Apothekerversorgung anerkannt wird. Man muss in eine Stellenbeschreibung in der Entwicklung oder der Produktion explizit reinschreiben, dass es sich um eine apothekerliche Tätigkeit handelt und dass man Pharmaziepraktikanten betreut – Prinzip: Betreuung von Pharmaziepraktikanten = „apothekerliche Tätigkeit“. Auch dann ist es nicht sicher, dass die Tätigkeit als „apothekerliche Tätigkeit“ von der Rentenversicherung BUND anerkannt wird. Vom Prinzip aus kann eine Tätigkeit in der Produktion oder in der Entwicklung nämlich auch durch einen Chemiker, Biotechniker oder Biologen ausgeübt werden – je nach entwickeltem oder hergestelltem Arzneimittel.

    Die Pharmareferenten sind eh schon seit Jahren aus der Apothekerversorgung draußen. Beratung zu Arzneimitteln als Pharmareferent ist nach bereits erfolgten gerichtlichen Beschlüssen keine „apothekerliche Tätigkeit“.

    Die Liste von Herrn Gröhe ist ein ganz guter Anfang. Mit dem Punkt „Information und Beratung über Arzneimittel als solche, einschließlich ihrer angemessenen Verwendung“ sind die Pharmareferenten schon mal wieder in der Apothekerversorgung drin.

    Die Liste von Herrn Gröhe ist nicht abschließend. Die Doktoranden an den pharmazeutischen Instituten fehlen definitiv – ein schweres Versäumnis.
    Aber es ist wirklich deutlich mehr als die ABDA mit ihren Mitgliederbefragungen zustande bekommt und zustande bringen wird.

    Als Industrieapotheker kann ich nur äußern, dass die Apothekerkammer mir in den letzten Jahren stets geäußert hat, dass man sich für Apotheker außerhalb der Apotheke nicht zuständig fühlen würde – egal bei welcher Nachfrage das war. Solange das der Fall ist, habe ich wenig Verständnis für die Argumentation der ABDA; dass man bei dieser Liste übergangen wurde. Ich finde es sehr scheinheilig, dass man sich auf einmal für Apotheker außerhalb der Apotheke zuständig fühlen würde.

    Meine Argumentation ist wahrscheinlich nicht übereinstimmend mit der Argumentation von Frau Kossendey. Sie ist sicher nicht übereinstimmend mit der Argumentation der Forumsmitglieder der Deutschen Apotheker Zeitung. Da man bei letzterer Zeitung nur noch unter Klarnamen kommentieren kann, stelle ich meine Argumentation hier zur Diskussion.

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    1. Das Problem ist – Du schneidest Dir mit Deiner Argumentation ins eigene Fleisch. Jegliche Tätigkeit in der Forschung und der Industrie (außerhalb der direkten Arzneimittelproduktion) ist nicht explizit in der Liste erwähnt. Stellst Du also selber keine Arzneimittel her, bist Du raus.

      Des weiteren ist der Heilberufler in der Liste kaum vorhanden – so wie ich sie verstanden habe. Diese Liste macht die deutschen Apotheker – so wie ich sie verstehe – zu (kleinen) Krämerseelen. Und von der Krämerseele zum zur Anstellung im Kettenladen ist es auch nicht mehr weit. Ich greife jetzt tief in die Trickkiste (und kürze meine Argumente dramatsich), aber diese Umsetzung – ohne Not, ohne Zeitdruck, ohne Verpflichtung, und als Schnellschuss – ist einfach ein weiterer Nagel im Sarg der niedergelassenen inhabergeführten deutschen Apotheke. Endziel der Politik seit 1995 ist die Abschaffung letzterer zu Gunsten der großen „Industrie“, allem voran der Bertelsmann-Stiftung, die die Arzneimittellieferung außerhalb der Apotheke (oder in der fremdbesitzgesteuerten Apotheke) schon seit ca. 1995 fordert und an deren Umsetzung arbeitet. Und die auch an der Gründung von MocDorris beteiligt war. Und auf deren Servern in naher Zukunft im Auftrag der GKV die e-Rezepte der eGK gespeichert werden…

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      1. Ich halte die Liste selbst nicht für unbedingt abschließend. Die Liste ist aber wesentlich besser und deutlich ausführlicher als die vorherige Aufzählung. Diese lautete schlicht: „Ausübung des Apothekerberufs ist die Ausübung einer pharmazeutischen Tätigkeit, insbesondere die Entwicklung, Herstellung, Prüfung oder Abgabe von Arzneimitteln unter der Berufsbezeichnung „Apotheker“ oder „Apothekerin““. In den letzten 30 Jahren hatte sich die ABDA über diese völlig unzureichende Formulierung niemals beschwert.

        Interessant wäre es, mal einen Kommentar eines Juristen zu lesen, wie der oben genannte Gesetzestext jetzt wirklich interpretiert werden muss und kann. Ich lese das Wort „insbesondere“ nämlich so, dass auch andere Tätigkeiten neben den genannten da noch enthalten sind. Das ist aber wirklich etwas für einen juristischen Fachmann.

        Man muss sich auch ernsthaft fragen, ob man Tätigkeiten im Marketing oder im Controlling oder eine Anstellung bei der Rezeptprüfung bei der Krankenkasse oder eine Tätigkeit in der Personalbeschaffung als Headhunter wirklich noch als „pharmazeutische Tätigkeit“ definieren möchte. Irgendwann wird es dann auch wirklich zu beliebig. Für solche Stellen braucht man einen Naturwissenschaftler und dieser muss nicht unbedingt Apotheker sein.

        Ich kritisiere – ähnlich wie weiter unten Sebastian – an der ABDA, dass man keine Stellungnahme ausgearbeitet hatte, die man der Politik übergeben hat. Vergleichbares ist bei der Freigabe der Pille danach passiert. Man hatte kein Positionspapier vorbereitet, für den Fall, dass das Ding freigegeben wird. Das sind wirklich schwere Versäumnise. Die ABDA war nicht vorbereitet.

        Stattdessen hatte man jetzt über ein Jahr erst mal basisdemokratisch diskutiert, wie man den Beruf in der Apotheke definiert. Erst jetzt diskutiert man – wieder basisdemokratisch -, wie man Berufe außerhalb der Apotheke definiert. Dieser Prozess wird wahrscheinlich auch erst in einem Jahr abgeschlossen sein.
        Ich frage mich, wie lange man intern noch diskutieren möchte. Andere Personen wie Herr Gröhe schaffen halt dann Fakten. Ich frage mich, wozu man Kammervorstände wählt, wenn die dann alles erst noch mit der Basis abstimmen wollen.

        Es gibt eine Broschüre namens „Pharmazeutische Tätigkeitsfelder außerhalb der Apotheke“ – zu finden hier: . Ich frage mich, warum man da so lange diskutieren muss. Einfach mal alle Berufsfelder in das Positionspapier reinnehmen, die in dieser Broschüre erwähnt sind. WIV und DPhG und die Herren Professoren DIngermann und Morck sind ja durchaus seriöse Quellen.

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    2. Kann es sein das Du NICHT in der Kammer von Baden-Württemberg Mitglied bist? Die LAK B-W hat sich nämlich groß auf ihre Fahnen geschrieben, grade Apotheker aus anderen Berufsfeldern in der Kammer zu integrieren und auch für sie Angebote zu machen.
      Super ärgerlich bei der Chose ist, daß sich Minister Gröhe nicht einmal vorher mit Apothekern über dieses Thema unterhalten hat. Es ist immer mal gut von außen betrachtet zu werden, aber dann muß ich mit den Betroffenen reden und fragen: sagt mal, fehlt da vielleicht noch was oder wer? Und wie seht ihr das?
      Aber so weit ich weiß hat das Ministerium mit niemandem geredet, weder mit den öffentlichen Apothekern also ABDA, ADKA oder welchen aus der Industrie. Auch die Regierungspräsidien, die die Aufsicht über die Apotheken haben würden wohl nicht involviert. Dieser Zehn-Punkte Plan wurde uns einfach so vor den Latz geknallt. So etwas macht man nicht.
      Aber Leserin hat schon recht, wenn sie mal kurz an die Situation der Hebammen zu beschreiben. Die werden genauso im Stich gelassen.
      Als nächstes sind vermutlich die Phisotherapeuten dran und dann die Ärzte, und dann wird das Gesundheitssystem im Großen Stil privatisiert……

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  4. Ohne die Liste inhaltlich beurteilen zu können oder wollen: Wenn der Apothekerverband – als Fachverband – auf Dauer zu keinem Ergebnis kommt, darf er sich weder wundern, noch beschweren, dass jemand anderes die Dinge in die Hand nimmt.
    Natürlich ist die Definition nicht leicht, insbesondere in einer Zeit, in der viele Berufsbilder verschwimmen. Warum hat der Apothekerverband nicht schon längst eine nicht-abschließende Liste erstellt, wie Du es in ein paar Minuten in einem Blog-Post geschafft hast? Die Suche nach Perfektion führt nach meiner Erfahrung fast immer dazu, dass nie ein (Zwischen-)Ergebnis erreicht wird.

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    1. Die Liste oben ist ja nur die (kurz ergänzte), die jetzt Herr Gröhe geliefert hat. Und ich bin sicher, dass auch meine Ergänzungen nicht ganz komplett sind. Wenn das nur ein Vorschlag gewesen wäre, mit der Option, das (mit Hilfe von Apothekern?, die geht das schliesslich an) zu erweitern, ist das etwas anderes als einfach innert kürzester Zeit vollendete Tatsachen zu schaffen.

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    2. Die ABDA ist schön zu einem Ergebnis gekommen, aber dieses Perspektivenpapier kann man nicht so schnell erstellen, wenn man nicht aus Versehen jemand vergessen will, wie bei Gröhe z.B. Dokoranden an den Unis. Unser Berufsbild ist nun mal extrem vielfältig, und das soll ja berücksichtigt werden und da soll noch Platz für neue Entwicklungen bleiben.

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      1. Ich sehe – wie weiter oben von mir schon erwähnt – auch das Problem, dass man sich in dieser Diskussion verliert. Mittlerweile ist schon ein Jahr ohne irgendein Ergebnis ins Land gegangen.
        Wie lange will man intern noch diskutieren, um es wirklich „perfekt“ zu machen? Noch ein Jahr, zwei Jahre oder fünf Jahre?

        Manchmal muss man Entscheidungen rasch treffen. Da die ABDA ja informiert ist, wo ihre Kammermitglieder arbeiten, sollte es möglich sein, innerhalb von – sagen wir mal – vier Wochen einen entsprechenden Gegenentwurf auszuarbeiten, den man Herrn Gröhe vorlegt.

        Ich denke, dass der Zeitfaktor jetzt sehr relevant ist, wenn man noch etwas ändern will.

        Oder anders: Die Deadline ist in vier Wochen. Was bis dahin steht, steht. So genau und exakt, wie es in diesem Zeitraum möglich ist. Alles andere bessert man nachträglich nach.

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