Diesmal nicht

Vorausschickend: Nach Jahren der Pille-danach-Beratung in der Apotheke hat sich bei mir doch eine gewisse Sicherheit eingestellt. Wirklich oft kommt es nicht vor, dass ich die Pille danach mal nicht abgeben kann. Aber gelegentlich gibt es so einen Fall, bei dem man sich einfach nicht wohl fühlt, wo es grenzwertig ist. Im Endeffekt möchte ich aber bei einer Abgabe sicher sein, dass das dem Patienten nicht mehr schadet als eine Nicht-Abgabe. Und hier war ich … unsicher:

Frau in der Apotheke: „Ich habe eine Frage wegen der Pille danach.“

Ich nehme die Frau direkt mit in den Beratungsraum.

Frau: „Also … ich sag’s wie’s ist … ich glaube nicht, dass ich schwanger bin und … ich … will auch nicht schwanger sein, aber mein Freund will … jedenfalls hatten wir … er hat seinen Penis in mich gesteckt, aber … er ist nicht gekommen. Da kann ich doch nicht schwanger sein.“

Bimed: „Sie nehmen nicht die Pille?“

Frau: „Ich habe, bis vor etwa einem Monat die Cerazette genommen. Dann musste ich abbrechen, weil ich sie nicht vertragen habe.“

Bimed: „Und sie haben kein Kondom benutzt oder eine andere Verhütungsmethode?“

Frau: „Nein, mein Freund will nicht.“

Bimed: „Wie lange ist es her seit ihrer letzten Periode?“

Frau: „2, fast 3 Wochen.“

Bimed: „Dann kann es trotzdem sein, dass sie schwanger werden. Es gibt da auch ohne direkten Samenerguss noch so Sachen wie die Lusttröpfchen … dann sind sie genau in der gefährlichsten Zeit …“

Frau: „Oh.“

Bimed: „Soll ich mit ihnen eine richtige Pille danach-Beratung durchführen?

Frau: „Ah – ja. Deshalb bin ich hier.“

Ich gehe mit ihr die Fragen durch.

„Wie lange ist es her, seit dem ungeschützten Geschlechtsverkehr?“

Frau: „Umm … das war 2 mal am Mittwoch und einmal am Dienstag abend.“

Oh. Es ist jetzt Freitag abend.

Ich rechne nach. Ich muss vom am längsten zurückliegenden Zeitpunkt ausgehen und komme damit auf etwas über 70 Stunden.

Ich erkläre der Frau die Problematik: die Wirksamkeit der Pille danach (in unserem Fall Norlevo) nimmt ab, je länger man mit der Einnahme nach dem Akt wartet. Nach 72 Stunden wird es gar nicht mehr empfohlen, da die Wirkung dann zu gering und die Risiken die Vorteile überwiegen.

Frau: „Aber  … ich denke, das Problem war vor allem der Mittwoch.“

Hmmm.

Ich behalte das im Hinterkopf und mache erst mal weiter.

Als nächstes frage ich nach aktuellen Erkrankungen (keine) und andere eingenommene Medikamente (nur Nahrungsergänzungsmittel und keine, die hier Wechselwirkungen machen) und nach Allergien.

Frau: „Nickel und Cerazette.“

Bimed: „Cerazette? Was genau haben sie da bekommen?“

Sie hat ja gesagt, sie hat es nicht vertragen, aber …

Frau: „Oh – einen übel beissenden Hautausschlag.“

Tatsächlich, sie ist allergisch gegen etwas im Cerazette.

Frau: „Ich habe am Donnerstag wieder angefangen Cerazette zu nehmen … und auch wieder den Hautausschlag bekommen.“

Was die Allergie dann auch bestätigt. Wiederauftreten bei Exposition.

Bimed: „Nehmen sie die Cerazette nicht mehr. Das kann eigentlich nur schlimmer werden und es bringt auch nichts das jetzt noch zu nehmen zum Verhüten – das braucht mindestens 7 Tage, bis es wirkt.“ (Und wenn sie wirklich schwanger ist, ist das auch nicht gut …)

Jetzt habe ich ein Problem. Sie ist also allergisch gegen Desorgestrel (wahrscheinlich). Und sie will von mir Levonorgestrel – ein anderes Progestagen. Vermutlich, nein sehr wahrscheinlich ginge es – von Allergien oder gar Kreuzallergien gegen Hormonpräparate habe ich noch nicht viel gehört, aber ich will das eigentlich nicht riskieren. Das und die knapp an der Abgabegrenze liegende Zeit …

Bimed: „Nein. Entschuldigen Sie, aber damit muss ich sie zu einem Frauenarzt weiter schicken. Ich kann das so nicht abgeben, aber der Arzt kann das abklären und ihnen entweder die andere Pille danach, die EllaOne die man bis 5 Tage nachher noch geben kann verschreiben, oder eine Kupferspirale einsetzen.“

Frau: „Oh – aber, was mache ich denn jetzt?“

Bimed: „Es ist Freitag abend, gehen sie im Spital in die Frauenabteilung, die haben auch einen Notfall, wo sie gleich gehen können.“

Frau: „Aber … das geht nicht, sonst merkt mein Freund das … und der will ja, dass ich schwanger werde. Darum komme ich ja zu ihnen!  Können sie mir das nicht einfach geben?“

Bimed: „Nein. Ich darf das unter bestimmten Voraussetzungen abgeben. Bei ihnen haben wir 2 Punkte, die nicht ganz gegeben sind – und ich fühle mich dabei nicht wohl. Deshalb muss ich sie weiter schicken.“

Frau: „Ich denke, ich bin schon nicht schwanger …“ meint sie unsicher.

Bimed: „Ich hoffe es, aber … sie könnten es sein. Ich würde gehen, sie haben auch noch fast 2 Tage Zeit dafür. Und sie sollten das unbedingt mit ihrem Freund ausdiskutieren.“

Ich kenne meine Grenzen. Es ist immer ein Abwägen zwischen Nutzen und Risiko … und bei dem hier waren grad 2 Sachen nicht ganz koscher … mein Bauchgefühl, das mir dabei fast Bauchschmerzen machte. Sie schien zwar einigermassen überzeugt, dass sie nicht schwanger sein will … hat aber trotzdem 3 Tage gewartet, bis sie damit in der Apotheke aufschlägt? Da bin ich doch froh, dass ich sie noch an eine kompetente Stelle weiterschicken kann.

Wer jetzt denkt, die Frau war sehr jung und unerfahren – jung war sie nicht mehr. Über 35. Unerfahren …. ja. Irgendwie.

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14 Antworten auf „Diesmal nicht

  1. Oh Mann! Kompliziert, kompliziert. Ich habe keine Ahnung von Medizinkram, aber finde, Du hast vollkommen richtig gehandelt: Im Zweifelsfall zum Arzt, bevor man etwas Falsches macht. Ist ja auch im Interesse der Kundin/Patientin!

    Und: „Aber … das geht nicht, sonst merkt mein Freund das … und der will ja, dass ich schwanger werde. Darum komme ich ja zu ihnen!“
    – Meine Güte. Eine glückliche Beziehung klingt anders …

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    1. Das würde in Facebook wohl den Beziehungsstatus „es ist kompliziert“ rechtfertigen … ja.

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  2. Vielleicht ungewollt schwanger ist schon eine blöde Sache, aber irgendwie finde ich es schlimmer, dass sie und ihr Partner sich nicht einig sind, was sie überhaupt wollen. Er will, sie will nicht, er lässt es halt mal drauf ankommen und sie holt sich dann heimlich die Pille danach… Wie lange will sie dieses Spielchen denn spielen? Da steht mal dringend ein Gespräch mit dem Partner an.

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    1. Heimlich die Pille danach zu nehmen finde ich okay, aber es zeugt von einer ziemlich verbesserungswürdigen Beziehung. Okay deshalb, weil sie das grössere Risiko trägt, was Lebens-/Karriereplanung anbelangt.

      Ich finde, mit 35 sollte man eigentlich schon genug Erfahrung gesammelt habe, so dass man nur wegen echten Verhütungspannen die Pille danach nehmen muss.

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    2. Ja – das „heimlich nehmen“ ist kein Grund die Pille danach nicht abzugeben (wenn es die Frau selber holt und nimmt) – sie hätte sie auch bekommen, wenn da die anderen Sachen mir nicht ganz geheuer waren. Das ist definitiv kein Schwarz-/Weiss-Fall gewesen. Meistens ist es ganz klar: hier kann ich sie geben, hier kann ich sie nicht geben.
      Nun ja.
      Aber ganz sicher muss sie mit dem Freund darüber reden – das wäre nur fair. Auch für die zukünftige Lebensplanung. Ich verstehe zum Beispiel die Leute gar nicht, die dieses Thema nicht vor der Hochzeit ausdiskutiert haben – und dann danach feststellen, dass sie da durchaus inkompatibel sind (wenn ein Partner unbedingt Kinder will … und der andere auf gar keinen Fall).

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      1. Ich verstehe dass du es ihr abgeben würdest. Nur, was machst du, wenn sie jetzt jeden Monat bei dir auf der Schwelle steht, weil sie ja ihren Freund nicht davon abbringen kann/ will, auf Verhütung zu verzichten, aber auch selbst nichts unternimmt (wie z.B. eine Spirale)? Wenn du merkst, dass das für sie eine regelmäßige Lösung darstellt, wann verweigerst du die Abgabe?

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        1. Schwierig, weil theoretisch. Aber beim zweiten Mal würde ich sie wohl darauf hinweisen und beim dritten Mal sagen, dass das das letzte Mal ist, dass sie das ohne Rezept bekommt, weil es nicht für die normale Verhütung gedacht ist. Und dann wäre ich auch bereit mit Kontaktadressen wie der Familienplanung oder dem Frauenarzt … oder gegebenenfalls dem Paartherapeuten ….

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  3. Hm, ich weiss nicht, gehört sicher nicht zu deinen Aufgaben. Aber, lebt die Frau in einer Gewaltbeziehung? Traut sich nicht zu widersprechen? Traut sich nicht den Mann zu verlassen?
    Ich weiss nicht, falls die nochmals bei dir aufschlägt, könnte man ihr empfehlen zur Polizei zu gehen??
    Aber eben, nicht deine Aufgabe, schon klar! Einfach traurig dass es so etwas gibt!

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    1. Ich hab sie noch nie vorher gesehen – und ausser der Aussage, dass der Mann will, dass sie schwanger wird und sie nicht und sie ihm das nicht sagen kann / will weiss ich nichts. Sie hat sich aber nicht so angehört, als wollte sie von ihm weg … was vielleicht auch der Grund war, weshalb sie ihm das mit der Pille danach verschweigen wollte. Und das ist ein bisschen wenig, da grad mit dem Vorschlag der Polizei zu kommen. Finde ich.

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  4. Ich bin da wohl etwas feinfühlig, weil eine Freundin meiner Tochter in so einer Kontroll/ Gewaltbeziehung lebte. Als sie sich trennte, hat er sie fast umgebracht, da war sie noch nicht mal 20 und hatte eben die Matura bestanden….deshalb gehen bei mir bei sowas die Alarmglocken an…

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  5. Ich habe inzwischen mehrere Tausend Euro und wasweißich wie viel Arztbesuche in den letzten Jahren in meine Kinderwunschbehandlung investiert – für nichts.
    Und dann lese ich solche Geschichten.
    Ich weiß,ich soll Verständnis haben weil diese und meine Geschichte überhaupt nichts miteinander zu tun haben – aber dennoch macht es mich irgendwie wütend.
    Warum gehen manche Menschen zu leichtsinning mit dem Thema um?

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    1. Warum gehen manche Menschen zu leichtsinning mit dem Thema um?

      „Gott liebt die Dummen. Darum gibt es so viele von ihnen.“

      (Jüdisches Sprichwort)

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