Woher kommen unsere Medikamente? Am Beispiel Viagra

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Es würde doch kein neues Mittel gegen Herz-Krankheiten werden, seufzten die Forscher bei Pfizer in in Sandwich, England. Jahrelang hatten sie an Sildenafil gearbeitet, einem Hemmer des Enzyms PDE5 – von dem sie hofften, dass es effektiv darin sein würde Herz-Arterien zu entspannen und Brustschmerzen und Angina pectoris zu mildern.

Ihre Hoffnung wurde 1992 zerstört.

Nur einer von 10 Wirkstoffen, die in klinische Untersuchungen eintreten, ist erfolgreich und erreicht schliesslich auch die Patienten – Aber Statistik ist kein Trost für diejenigen, die an den 9 übrigen gearbeitet haben.

Unzufrieden beendeten die Forscher die Studie und wiesen die Teilnehmer an, die ungebrauchten Tabletten zurückzugeben. Aber viele Männer weigerten sich und hielten am Medikament fest, als sei es aus Gold.

Anfangs verloren die Forscher über das Verhalten nicht viele Gedanken – Ungereimtheiten kommen in manchen Studien vor – aber dann hörten sie Gerüchte über den Nebeneffekt des Medikamentes auf das Sexleben und … wichtiger – lasen eine Veröffentlichung über die Rolle von PDE5 beim Entstehen einer Erektion.

Hoppla! Die Unzufriedenheit machte rasch Aufregung Platz … Sildenafil könnte doch ein Blockbuster werden! Und dieses Mal bestätigte eine neue Studie die Anwendung bei impotenten Männern.
Sie waren über ein Medikament gestolpert zur Behandlung der erektilen Dysfunktion – Pfizer vermarktete es ab 1998 als Viagra.

Die Bezeichnung Viagra ist ein rechtlich geschütztes Kunstwort. Angeblich setzt sie sich aus den Begriffen vigor (lateinisch für „Stärke“) und Niagara zusammen. Nebenbei ist „Viagra“ lautgleich zu vyaghra, dem Sanskrit-Wort für Tiger.

Nebenwirkungen: Rot anlaufende Gesichter oder ein Blaustich beim Sehen sind nur einige davon. Weitere sind Schwindel, laufende Nase, Muskelschmerzen, und (gefährlich) Priapismus – das ist eine Dauererektion. Schlagzeilen machen die Runde in denen von über einhundert Toten durch Viagra berichtet wird. Alles das hält aber mehr oder weniger potenzschwache Männer nicht davon ab, mit der Pille ein normales Sexualleben zu führen. Aber die doch heftigeren Nebenwirkungen sorgen auch dafür, dass Viagra wohl auch weiterhin rezeptpflichtig bleibt.

Sildenafil war der erste Arzneistoff der Wirkstoffklasse der PDE-5-Hemmer (Phosphodiesterase-5-Hemmer ).Umgangssprachlich wird der Name Viagra gelegentlich auch als Sammelbegriff für andere Medikamente dieser Wirkstoffgruppe, beispielsweise Tadalafil (Cialis), Vardenafil (Levitra) verwendet. Die Medikamente bewirken eine Vasodilatation – also eine Erweiterung der Blutgefässe – auch im Penis, dadurch entsteht – bei entsprechender sexueller Stimulation (nur dann!) – eine Erektion.

Viagra gilt als dasjenige Medikament, das als erstes nachweislich zu einer Verbesserung des internationalen Artenschutzes beigetragen hat: Vor allem in asiatischenLändern werden traditionell von seltenen Tieren gewonnene Stoffe als Aphrodisiaka verwendet (Nashornhorn, Schlangenblut …). Durch die weltweite Verbreitung von Sildenafil ist die Jagd auf bedrohte Tierarten zum Zweck der Potenzmittel-Gewinnung mittlerweile zurückgegangen.

Neben der auch bei Laien bekannten Wirkung gegen die erektile Disfunktion, wird Sildenafil auch in der Therapie der pulmonalen Hypertonie (Bluthochdruck im Lungenkreislauf) angewendet. Bevor das Medikament aber 2006 seine Indikation dafür bekam, hatten wir auch schon eine Kundin mit Viagra auf Dauerrezept deswegen. Ziemlich teure Angelegenheit. Heute gibt es dafür das Revatio. Selber Wirkstoff, Anwendung: 20mg 3 x täglich.

Auf Frauen hat es übrigens keinen Luststeigernden Effekt – das nachzuweisen hat man nämlich auch schon versucht.

Von der Krankenkasse wird das Viagra in unseren Gegenden nicht übernommen, unter anderem, weil es kein lebenswichtiges Medikament ist, sondern nur der Steigerung der Lebensqualität dient. Ein Life-style Produkt sozusagen.

Aber … wem das im Moment zu teuer ist – das Patent läuft demnächst aus und ich bin sicher, die ersten Generika stehen dafür schon in den Startlöchern. – und Pfizer versucht mit neuen Darreichungsformen auf dem Markt zu bleiben: Viagra als Kaubonbon zum Beispiel.

Schöne neue Welt.

11 Antworten auf „Woher kommen unsere Medikamente? Am Beispiel Viagra

  1. Einige hundert Tote? Ja, das halte ich für gut möglich…
    Besonders gefährlich: Viagra und Amylnitrit (Sex-Droge Poppers); beide senken den Blutdruck! Keine gute Kombination!

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  2. „Auf Frauen hat es übrigens keinen Luststeigernden Effekt – das nachzuweisen hat man nämlich auch schon versucht.“

    Auf Maenner auch nicht. Es bewirkt erstmal nur, dass eine Erektion eintritt, was prinzipiell unabhaengig von Lust ist. Das ist ja das Problem der erektilen Disfunktion: wollen aber nicht koennen.

    „Potenzmittel“ fuer Frauen muessen ein anderes Problem angehen: koennen aber nicht wollen. Da Viagra aber das „Koennen“ verbessert, ist es klar, dass es bei Frauen eher wirkungslos ist (allerhoechstens koennte die Durchblutung gesteigert werde, aber wenn sie keinen Bock hat, dann nuetzt das auch nichts.)

    Bleibt die Frage, ob „nicht wollen“ immer ein behandlungswuerdiges Symptom ist.

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  3. Viagra als Kaubonbon?
    Ich sehe schon tausende von Kaugummiautomaten in Kneipen und anderer Etablissements…

    p.s.: wieviele Spam-Kommentare hast Du denn schon von diesem Posting entfernt?

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    1. Ich wollte erst schreiben „gar keine“ … aber in der Zwischenzeit hat es doch einer fast geschafft.
      Ansonsten macht Akismet wirklich gute Arbeit.

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  4. Viagra und Konsorten sollen auch für/gegen Höhenkrankheit helfen. Wenn das die Gefässe erweitert, kann ich mir das sogar vorstellen, da läuft dann das verdickte Blut leichter durch …

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  5. na ja, viagra wirkt ja eigentlich nur dann, wenn die sexuelle stimulation vorhanden ist, auf deutsch: wenn es denn funktionieren täte wenn es funktionierte. man könnte auch so formulieren: wenn die partnerin/der partner (ich liebe gendering besonders in solchen fällen!) nicht reizvoll erscheinen, dann nutzt auch das blaue pillchen nix. insofern wundert es keinen, wenn das zeug bei frauen nicht wirkt. es erschien nur den versuch wert entsprechende studien zu machen. geld stinkt ja nicht.

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  6. […] Dem war so! – zumindest in einem genügend grossen Teil der Fälle. Hier haben wir noch einen Fall, wo aus einer Nebenwirkung eine Hauptwirkung wird – wie bei Viagra. […]

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