Ärgern sie nicht den Anästhesisten!

In meinem Studium hatten wir ein paar … ehm … herausragende Gestalten (nein, ich gehörte eher nicht dazu). Einer davon, nennen wir ihn Alexander, war allgemein als „Schwätzer“ bekannt. Nicht nur, dass er während den Vorlesungen jedes Mal etwas anzumerken oder nachzufragen hatte, nein, während den Pausen laberte er uns noch die Ohren voll. Anscheinend war er nicht nur an der Uni so, denn nach den Ferien erzählte er uns von einer Operation, der er sich unterziehen musste.

Dazu muss ich erst ein paar Dinge erklären. Bei einer Operation unter Vollnarkose muss (logischerweise) der Patient nicht bei Bewusstsein sein/schlafen und er sollte sich dabei nicht bewegen. Darum gibt man bei der Anästhesie ein rasch wirksames Schlafmittel und dazu ein starkes Muskelrelaxans – also etwas, das die Muskeln nicht nur entspannt, sondern lähmt. Die Reihenfolge, in der man das macht ist: 1. Schlafmittel, 2. Muskelrelaxans – denn sobald die Wirkung des Muskelrelaxans einsetzt, wird auch die Atemmuskulatur gehemmt und dann muss man intubieren: also die Lunge via Schlauch beatmen.

Ich vermute mal, Alexander hat mit seinem Geschwätz und Besserwisserei den Anästhesisten geärgert. Anders kann ich mir nicht erklären, warum der ihm zuerst das Muskelrelaxans gegeben hat und ihm gesagt hat „Wenn sie anfangen zu merken, wie es wirkt, geben sie uns ein Zeichen oder sagen sie etwas, dann bekommen sie das Schlafmittel“.
Das war wohl seine persönliche Retourkutsche, denn, sobald das Muskelrelaxans anfängt zu wirken kann man keine Zeichen mehr machen oder etwas sagen …. aber man bekommt noch alles mit, einschliesslich der Tatsache, dass die Atmung aussetzt …
Eine ziemlich beängstigende Erfahrung – ich bin sicher, Alexander wird in Zukunft etwas zurückhaltender umgehen mit den Ärzten.

Zur Ehrenrettung des Anästhesisten ist zu sagen: das Schlafmittel wirkt (weil intravenös gegeben) sehr schnell und es bleibt noch viel Zeit den Patienten zu intubieren. Es waren also nur ein paar Schrecksekunden…

Ein Kollege der Anästhesist ist, hat mir übrigens bestätigt, dass er das auch schon gemacht hat, allerdings ist das alles andere als üblich.
Trotzdem: ich werde sicher immer nett sein mit dem Anästhesisten!

5 Antworten auf „Ärgern sie nicht den Anästhesisten!

  1. Ich finde Deine Geschichten immer sehr amüsant, aber diese Geschichte finde ich nicht soooooo lustig. Egal, wie sehr einen der Patient nervt – darf man sich als Arzt/Anästhesist/OP-Schwester solche „Spässe“ erlauben?

    Mir ist – ist zwar nicht unbedingt dasselbe – mal Folgendes passiert:

    Ich hab meine Augen per LASIK korrigieren lassen. Heisst: Schnitt in die äusserste Schicht des Auges, Hautlappen zurücklegen, lasern, Hautlappen wieder drauflegen.

    Während der OP kommt dieses Skalpell natürlich sehr nah ans Auge. Was mir der Arzt NICHT gesagt hat: es bedeckt einen Moment lang das Sichtfeld, und zwar so plötzlich und komplett, dass man bei weit aufgerissenem Auge nur noch pechschwarz sieht. Ich hab echt einen Moment lang geglaubt: „Scheisse, jetzt haben die mir zu tief ins Auge geschnitten und ich bin blind“. Ich hatte ganz extreme Angst. Zwar nur für ein paar Sekundenbruchteile, aber das war dennoch das schlimmste Gefühl meines Lebens. Beim zweiten Auge wusste ich’s natürlich ;-)

    Aber ich weiss ja nicht… Auf einem OP-Tisch hat doch jeder ein bisschen Angst, oder nicht? Mit der bestmöglichen vorgängigen Aufklärung hätte meine „Schrecksekunde“ wohl vermieden werden können. Ich finde es jedenfalls immer sehr beruhigend, wenn mir jemand ständig sagt, was gerade passiert.

    Und auch wenn Dein Kommilitone ein Idiot ist: Ich denke, einen solchen „Scherz“ hat wirklich keiner verdient…

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  2. Operationen sind (finde ich) immer unangenehm, weil man dem Arzt so … ausgeliefert ist. Oft denke ich, es ist besser, man weiss gar nicht was da so alles läuft im Operationssaal (und dass man sich nicht daran erinnert, dabei helfen auch die Narkosemittel).

    @anamama: ja, so eine Peridural ist was gutes!

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  3. Sollte ein Anästhesist mit mir einmal solche Spielchen treiben, kann er sich darauf verlassen, daß ich ihm ein paar Tage später auch ein paar Angstmomente verpassen werde.
    Sorry, aber egal wie sehr der Kollege nervt, irgendwo hört der Spass auf.

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  4. Da setzt ein approbierter Arzt soetwas als Erziehungmethode ein nur weil ihne ein oberschlauer Patient nervt? Auch wenn diese „Maßnahme“ in kontrollierter Umgebung stattgefunden hat so fällt das für mich eindeutig in die Kategorie (Psycho-)Folter und ist ein eindeutiger Fall für den Staatsanwalt und die Ärztekammer. Sorry, aber da fehlt mir jedes Verständnis.

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